🚫 Beschädigte Palettenregale: Richten oder austauschen?
Ein unachtsamer Moment mit dem Stapler und es ist passiert: Die Regalanstrebung ist verbogen oder die Stütze hat eine deutliche Delle. Im hektischen Lageralltag stellt sich schnell die Frage: Muss das beschädigte Bauteil sofort komplett ausgetauscht werden oder lässt sich der Schaden durch Richten kostengünstig beheben?
Die Sicherheit im Lager steht an oberster Stelle. Nach der DIN EN 15635 sind Lagerbetreiber verpflichtet, Regalanlagen regelmäßig zu prüfen und Mängel unverzüglich zu beseitigen. Doch welches Verfahren ist wirtschaftlich und rechtlich die beste Wahl?
Das Risiko beim Kaltverformen (Richten)
Auf den ersten Blick erscheint das Richten verlockend: Spezialwerkzeuge biegen den Stahl im laufenden Betrieb unter Restlast wieder in Form. Das spart Ausfallzeit. Doch Vorsicht: Jedes Biegen schwächt das Gefüge des Stahls. Es können unsichtbare Mikrorisse entstehen, welche die Tragfähigkeit dauerhaft herabsetzen. Zudem bewegen sich Betreiber hier oft in einer rechtlichen Grauzone, da viele Hersteller die Gewährleistung nach einem Richtvorgang komplett ausschließen.
Die sichere Alternative: Der fachgerechte Austausch
Der Austausch gegen ein Original-Neuteil oder ein zertifiziertes Reparatur-Stück stellt die ursprüngliche Statik und Tragfähigkeit zu 100 % wieder her. Bei gängigen Standardregalen ist diese Methode oft sogar günstiger als der Einsatz von Richtbetrieben, da die Bauteile als Massenware schnell verfügbar sind.
Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten Kriterien im direkten Vergleich, um Ihnen die Entscheidung bei der nächsten Regalreparatur zu erleichtern:
Kriterium Richten (nur durch Fachbetriebe) Austauschen (Neuteil / Reparatur-Stück)
Sicherheit & Statik Risiko verbleibt: Jedes Biegen schwächt den Stahl (Gefahr von Mikrorissen). 100 % sicher: Die ursprüngliche Tragfähigkeit des Regals wird vollständig wiederhergestellt.
Zulassung & Haftung Grauzone: Viele Regalhersteller entziehen die Gewährleistung, wenn gerichtet wird. Rechtssicher: Bei Verwendung von Originalteilen bleibt die Herstellergarantie voll erhalten.
Kosten (Standardregal) Oft teurer oder gleich teuer, da Spezialfirmen anreisen müssen. Günstiger bei Standardmaßen: Ein neuer Ständer oder ein Reparatur-Insert ist oft Massenware.
Kosten (Sonderbauten) Wirtschaftlich: Bei sehr hohen, teuren oder spezialisierten Regalsystemen. Teuer: Lange Lieferzeiten und hohe Materialkosten bei Spezialanfertigungen.
Ausfallzeit im Lager Gering, da oft unter Restlast im laufenden Betrieb gerichtet werden kann. Höher, da das Regalfeld für die Montage komplett leergeräumt werden muss.
Gefährliche Praxis: Richten unter Last im laufenden Betrieb
Ein zentrales Argument von Richt-Fachbetrieben ist die Zeitersparnis: Das Regal muss für das Verfahren oft nicht komplett leergeräumt werden, sondern wird unter Restlast hydraulisch wieder in Form gedrückt. Was wirtschaftlich klingt, birgt im Ernstfall jedoch massive Risiken.
Sollte das ohnehin geschwächte Material dem enormen Druck während des Richtvorgangs nicht standhalten, droht ein schlagartiges Materialversagen – im schlimmsten Fall bricht die Regalstütze komplett weg, während sich tonnenschwere Paletten darüber befinden. Ein solcher Einsturz gefährdet nicht nur die Lagerware, sondern bedeutet akute Lebensgefahr für die Mitarbeiter vor Ort.
Aus diesem Grund verlangen die Berufsgenossenschaften und die DIN EN 15635 bei jeglichen Arbeiten an der Statik ein Höchstmaß an Vorsicht; im Zweifel ist das Entlasten des betroffenen Regalfelds immer der sicherere Weg.
Das Richten unter Last ist rechtlich und sicherheitstechnisch nicht zulässig,
sobald eine echte Gefahr im Verzug ist. Die maßgebliche europäische Norm DIN EN 15635 sowie die deutschen Vorgaben der Berufsgenossenschaften (DGUV Information 208-061) regeln dies unmissverständlich:
Das sagt das Gesetz (DIN EN 15635 & DGUV)
  • Verbot von eigenmächtigen Reparaturen: Laut Abschnitt 9.7.1 der DIN EN 15635 sind Reparaturen an beschädigten Komponenten grundsätzlich verboten, es sei denn, sie wurden vorab explizit vom Original-Hersteller des Regals freigegeben.

Sofortige Entlastungspflicht (Rote Gefahrenstufe): Sobald die Verformung einer Regalstütze die zulässigen Grenzwerte überschreitet (die sogenannte „Rote Säule“), schreibt das Regelwerk vor, dass das Regalfeld sofort komplett entlastet und für die Nutzung gesperrt werden muss. An einem voll beladenen, akut einsturzgefährdeten Regal zu arbeiten, verstößt direkt gegen die gesetzliche Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV).

Warum werben manche Firmen trotzdem damit?

Einige spezialisierte Richtfachbetriebe nutzen patentierte, hydraulische Verfahren und argumentieren, dass sie das Regal während des Richtvorgangs durch Stützvorrichtungen temporär absichern, sodass die eigentliche Last während des Drückens nicht auf der beschädigten Stelle liegt.
Das Problem dabei:
Selbst wenn das Verfahren technisch so aufgebaut ist, dass es die Last kurzzeitig überbrückt, bewegen sich Lagerbetreiber damit in einer massiven Haftungsfalle. Die meisten großen Regalhersteller untersagen das Kaltverformen komplett. Richtet eine Firma das Regal trotzdem, erlischt die CE-Zertifizierung und die Herstellergarantie des gesamten Regalsystems.